Quel naso! Fasching/Karneval in Venedig

Viele Masken, eine Nation – so könnte ich den Fasching in Venedig in einem Statement zusammenfassen.

Aber alles der Reihe nach.. .
Krankheitsbedingt haben wir unseren heuer geplanten Silvesteraufenthalt in Venedig erst in den Semesterferien nachholen können – mitten zur Karnevalszeit, in der die Lagunenstadt ihren ersten touristischen Ansturm erlebt. Aber ehrlich – so schlimm war’s wirklich nicht! Vorbeugend haben wir uns abseits vom Mainstream Markusplatz – Rialtobrücke einquartiert, im Castello-Viertel nahe dem Arsenal.

Venedig – ausgerechnet Venedig! – habe ich mir gedacht, als meine Frage nach einem (ursprünglichen winterlichen) Reiseziel prompt beantwortet wurde. Da waren sich meine beiden Damen ausnahmsweise einmal schnell einig. Wenn schon in den Süden, dann gleich ganz weit! Ich wollte da eher zB. nach Marrakesch, wo André Heller vor kurzem seinen Garten Anima eröffnet hat.

Also überstimmt!

Von unserem bisher einzigen Besuch Venedigs im Sommer vor bereits sehr langer Zeit, habe ich keine angenehmen Erinnerungen.  Heiß, laut, stinkende Kanäle, Unmengen an Besuchern, Touristennepp an jeder Ecke und eine – und hier kommt der Bezug zum Karneval – nach dem Tagesbesuch verängstigte, kleine Tochter. Auf einem der Plätze rund um die Rialtobrücke stand ein mit einer venezianischen Karnevalsmaske geschmückter Pantomime und dieser war unserer Eva so suspekt, dass wir nur durch einen weiten Bogen rund um den Straßenkünstler unseren Weg fortsetzen konnten. Nun ja, zum jetzigen Zeitpunkt sollte die Angst wohl eher in Neugierde umgeschlagen haben.

Der Fasching in Venedig ist wohl eines der am besten dokumentierten Bräuche weltweit – unabhängig des Mediums (Foto-Reisereportage in Magazinen, Blogs, Social Media, Film, Radio/Hörfunk, ..). Also definitiv nichts, womit man großes Erstaunen ob des Neuigkeitsgehalts auslösen würde. Das schmälert aber seine Beliebtheit in keinster Weise.

Historisch gesehen mit viel Tradition versehen, hat doch die inszenierte, neumoderne Aufführung  des Karnevals in der heutigen Form nur mehr wenig mit der seinerzeitigen gesellschaftlichen bzw. politischen Bedeutung gemein, auch wenn die Idee „Fremde anzulocken, um die Einnahmen zu erhöhen“ – von Tourismus kann im Kontext des 19 Jhdt. ja noch nicht wirklich gesprochen werden – auf die Feierlichkeiten von 1867 zurückgehen, nur wenige Monate nach dem Anschluss Venedigs an das Königreich Italien.
Und so ist das Ganze auch heute noch ein Mordsspektakel, vielleicht sogar mehr denn je, etwas, das man gesehen, aber auch gefühlt haben sollte und das jedes Jahr zigtausend Aus- & Inländer anlockt.
Menschenmengen jedweglicher Herkunft, ein Geben und Nehmen zwischen Begaffern und Begafften, zwischen Kostümierten und Zuschauern bilden eine amüsante Interaktion, in der auch Fotografenkarawanen bereits zu frühmorgendlicher Stunde nach Motivsuche ihren Platz haben. Letztere, sehr oft im Pensionsalter, ausgestattet mit Rücksäcken, Stativen und Teleobjektiven so groß, dass auch Militär bzw. Exekutive ob ihres Abschreckungspotentials daran ihre Freude hätten, schießen dann mit Dauerfeuer gefüllte zehn 36er Filme (in alter Währung) je Motiv auf den bekannten Plätzen wie zB. rund um die Ponte de L’Arsenal o del Paradiso oder der Flanierpromenade Riva degli Schiavoni. Die Kostümierten stellen sich bereitwillig zur Schau und folgen geduldig den Wünschen und mannigfaltigen Posenanweisungen der Fotografen. „Gewöhnliche Touristen“, nur mit dem Smartphone oder einer kleinen Kompaktkamera ausgestattet, stehen respektvoll im Abseits und füllen die Lücken zwischen den „Profis“.Bei der Frage nach dem in Venedig zahlenmäßig von mir wahrgenommenen Fotoequipment gibt es noch immer den einen Sieger: Canon – wie lange noch? Denn die Systemkameras haben deutlich zugelegt, allen voran Fujis X-System :).

Die Einheimischen ziehen sich während der Faschingszeit diskret zurück, zu groß sind die Auswirkungen im täglichen Leben einer Venezianerin, eines Venezianers zB. beim Anstellen zu den Vaporetti, der einzigen zur Verfügung stehenden, öffentlichen Passagierbeförderung in Venedig oder beim konsequenten Ignorieren der Menschenmengen des Rechtsgehgebots. Die Schaulustigen schlendern durch die engen Gassen, welches ein raschen Fortkommen zu dieser Jahreszeit nahezu unmöglich macht, zwischendurch sorgt die Bitte an die Kostümierten nach einem Foto für einen Stau und wenn sich doch eine Person durch die Szene drängt (und somit das Foto entwertet und den Stau verlängert, weil ja dann ein weiteres benötigt wird) – ja dann handelt es sich dabei sicherlich um einen der Blockaden überdrüssigen Einwohner.  Dass zudem der ehrwürdige Markusplatz durch die Zurschaustellung bzw. Prämierung der besten Masken einer (wirklich nervenden) Dauerbeschallung unterliegt, ist wohl ebenso mit ein Grund, die Ballungsplätze zur Karnevalszeit zu meiden.

Und noch etwas, das uns auch persönlich als Besucher der Lagunenstadt nach den ersten Tagen zu stören begonnen hat: die unzähligen Geschäfte mit venezianischen Masken. Nein, nicht jene paar kleinen, oftmals nur am Abend besetzten Geschäftslokale – zB. in der Salizada Sant’Antonin – welche venezianische Handwerkskunst vertreiben, sondern jene Übermacht, welche ihre Lokale mit dem €10-Plagiaten aus Fernost vollgestopft hat.

Was uns erst durch Gespräche mit einigen Kostümierten so wirklich bewusst wurde, dass es sich hierbei um „für diese Sache wirklich brennende“ Personen handelt. Zwei Drittel rauf bis 80% – die Schätzungen der Teilnehmenden variieren hier – handelt es sich bei den Karnevalisten um Franzosen, welche hier ausgiebigst ihrem Verkleidungshobby frönen. In der 2-wöchigen Kernzeit des Karnevals prominieren sie täglich und laben sich an den unzähligen Knipsenden – die Belohnung für die aufwändige Bastelarbeit an ihren Masken und Verkleidungen während des restlichen Jahres.
Neben den Franzosen tummeln sich auch noch zahlreihe Deutsche sowie Russen neben den natürlich auch vorhandenen, italienisch-sprechenden Maskierten.

Eine Rivalität zwischen den Kostümierten konnte ich nicht wahrnehmen. Obwohl sich einige wirklich geschmacklose, billige Verkleidungen unters Volk mischen – und selbst diese dienen quasi als Kontrastprogramm als Bilderquelle – sind die Mehrzahl der Masken wirklich sehenswert, mit viel Liebe zum Detail gestaltet und ergänzen sich wunderbar. Nicht annähernd eine Verkleidung gleicht der anderen – vielleicht bis auf jene der Steampunks.

Nicht dass der getrieben Aufwand gegen Ende des Tages sein Ende nimmt, nein. Nach Einbruch der Dämmerung geht der Schaukampf um die schönste Kostümierung in die nächste Runde. Denn dann wird am nächtlichen Markusplatz die Masken- & Kostümelektrifizierung eingeschaltet – Dank dem Segen der modernen LED-Technik auch stromsparend über mehrere Stunden. Natürlich mit 5-stufiger Farbvariation samt Blinkintervallautomatik. Che follia – was für ein Wahnsinn :).

Spaß gemacht hat’s uns trotzdem.

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