(Ein Pläydoyer für) Klischee-Bilder

Jeder von uns – mehr oder weniger ambitionierten –  Fotografen ist stetig auf der Jagd nach DEM Bild. Dabei begeben wir uns permanent auf die Suche nach anderen, alternativen Standpunkten, bevor der Auslöser gedrückt wird. Denn die größte – wohlgemerkt: selbstauferlegte – Herausforderung ist dabei, das bereits tausendfach bekannte Mainstream-Bild zu vermeiden.

Aber bei diesem Bemühen gibt es ein ganz klares Dilemma für uns Fotografen: es gibt (fast) kein Motiv mehr auf unserem Planeten, dass nicht schon tausendfach und aus allen nur erdenklichen Blickwinkeln abgelichtet worden ist.
Ganze Heerscharen von Touristen pilgern zu allen Jahreszeiten zu den Sehenswürdigkeiten unseres Planeten. Was diese übriglassen – das sind die abgelegenen Schätze der Erde – werden durch reiselustige Expeditionen der Professionalisten – gesponsert vom GEO– bzw. National Geographic-Magazin – abgegrast. Noch dazu haben uns diese Wagemutigen einiges voraus. Nicht nur, dass es ihr Beruf/ihre Berufung ist, nein, sie erdulden auch Hitze, Kälte und Staub, erkunden unwegsames Gelände, stehen mitten in der Nacht auf oder schlagen sich diese gleich ganze um die Ohren. Kurz, sie scheuen keine Mühen und Anstrengungen. Und das alles nur für eine Handvoll perfekter Bilder.

Pech für uns! Ich gebe gerne zu, dass ich für solche Strapazen nicht gemacht wurde. Dass ich die Annehmlichkeiten, welche unserer Zivilisation zu bieten hat, gerne auch in Anspruch nehme. Da verzichte ich lieber auf das eine oder andere „außergewöhnliche“ Bild. Denn für mich es geht auch anders.

Die gute Nachricht ist: obwohl bereits alles zig-Mal „im Kasten“ gelandet ist, haben wir deswegen nicht aufgehört, dasselbe Motiv zu fotografieren –  wir Fotografen sind sozusagen Wiederholungstäter.
Und die bekannten Sehenswürdigkeiten zählen nicht umsonst zu den beliebten Fotomotiven, wir alle finden Gefallen daran. Nicht nur ein einziges Mal – ein gutes Motiv schauen wir uns alle jederzeit nochmals an, auch ein zweites oder drittes Mal, verweilen ein paar Sekunden länger und manchmal hören wir auch (innerlich) zum wiederholten Male dieses WOW.

In täglichen Leben kennen wir viele Analogien, zB.  wenn wir zum Konzert gehen: klaro wollen wir alle die Superhits der Band hören, oder? Auch wenn die Künstler das (verständlicherweise) anders sehen. Und johlen dann umso lauter, wenn unser Insistieren am Ende dann doch noch erfüllt wird :). Bei den Bildern ist dies ebenso. Ein gutes Motiv geht immer wieder – auch wenn wir bereits alle Details kennen und das Motiv als „abgelutscht“ betrachten können wir uns ein weiteres Mal daran erfreuen.

Das Klischee-Bild betrachte ich daher als Pflicht – auch aus dem eigenen, inneren Antrieb des Fotografen-Ichs heraus: wenn ich schon hier am Ort bin, dann will ich dieses bekannte Motiv ablichten. Auch wenn dies schon tausend andere vor mir vielleicht (sogar besser? Wetterbedingungen!) gemacht haben. Und erst dann können wir uns als (Hobby)Fotografen der Kür zuwenden. Selbstredend spricht nichts dagegen, das Klischeebild ein wenig anders aufzunehmen bzw. zu bearbeiten – zB. im Regen, als Langzeitbelichtung bzw. Nachtaufnahme, SW, HDR bzw. Dichromatisch, usw. .

In diesem Sinne: mach‘ dieses Bild – egal, ob es bereits tausendmal vor dir aufgenommen wurde!

Egal ob es die Brooklyn Bridge, das Taj Mahal oder –  wie in meinem Fall – die Beispielbilder des Ars Electronica Center meiner Heimatstadt Linz, der Speicherstadt Hamburg (Wasserschloß von der Poggenmühlenbrücke), das aus Harry Potter berühmt gewordenen Glenfinnan-Bahnviadukt bzw. die schaukelnde Gondeln am Markusplatz Richtung San Giorgio sind.

PS: Und wer sich jetzt fragt, was denn dann ein Motiv als gutes, gelungenes Bild qualifiziert, dem kann ich antworten: das ist wohl eine Frage, die einen eigenen Post rechtfertigt 😊.

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