Slowenien II – Triglav & Soča

Am nächsten Tag brechen wir auf in Richtung Kranjska Gora. Der Ortsname macht mir bewusst, dass wir nun auch ein visuelles Bild zum historischen, habsburgischen Gebiet der   Krain vor Augen haben, inklusive der Originalen Oberkrainer (sic!) und der Krainer Wurst. Wohlgemerkt jene ohne Käse, denn die wurde erst später in Österreich erfunden.
Die Route entlang der 201er-Strasse gibt mit Blick auf den Nordkamm mit den Špik und Škarlatica-Gipfeln eine erste Impression auf das schroffe Massiv des Triglav-Nationalparks frei. Der Blick auf die Julischen Alpen ist famos und bleibt es auch, als wir nach der Abzweigung auf die 206er hinter Kranjska Gora bei den Badeseen bei einem Kaffee-Stopp anhalten. Grandiose Kulisse zur Vormittagszeit! Renate will sich fast nicht mehr trennen von diesem Anblick, doch wir müssen weiter, rauf auf den mit 1611m höchsten Pass Sloweniens, dem Vršič-Pass. Unterwegs machen wir nach Kehre 10 bei der Russischen Kapelle Halt. Ein Stück tragische Geschichte des ersten Weltkriegs, da bei der Errichtung dieser Passstraße für die österreichisch-ungarische Armee ins Isonzo-Tal viele russische Kriegsgefangene ihr Leben lassen mussten. Zudem wird mir auch klar, warum im Sommer 2016 für den Besuch von Wladimir Putin in Slowenien der Karawankentunnel gesperrt wurde. Da wurde nämlich das 100jährige Bestehen der Kapelle gefeiert.

Heutzutage spielen sich auf der kopfsteingepflasterten Straße Dramen anderer Art ab. Die bei (Renn)Rad- und Motorbike-Fahrern gleichermaßen beliebte Strecke verführt in Kombination mit den vielen Caravans die Urlauber zu wirklich gefährlichen Manövern. Da durch die Enge der Straße Innenkurven oftmals eng genommen werden müssen, bleibt für die Radfahrer schlichtweg wenig bis gar kein Platz mehr, sodass diese im Rinnsal zu Sturz kommen. Andererseits sind die Motorradfahrer oftmals in den Haarnadelkurven überrascht, dass bei entgegenkommenden Wohnmobilen nur mehr wenig Platz außen vorbei bleibt. Das Kopfsteinpflaster sorgt zudem für wenig Grip bei scharfen Brems- bzw. Ausweichmanövern.

Der dominierende Berg bei der Auffahrt ist der ostseitige, mit einem Felsenfenster versehene Prisojnik. Oben am Plateau des Passes angekommen, herrscht dichtes Gedränge. Parkende Autos, Touristenbusse und zwischendrinnen mehrere Schafherden, die jeden Schattenplatz (auch auf der Straße) belagern, machen die damit nur mehr einspurig mögliche Durchfahrt zur Geduldsprobe. Wir finden eine Parklücke, packen unsere Wanderschuhe aus und erkunden die Gegend, in welcher inzwischen ehemalige Geschützstellungen und mythologische Sagen (Stichwort „Heidemädchen-Felsbild“) friedlich koexistieren. Ein Wahnsinn, wenn ich bedenke, dass die Gegner vor 100 Jahren hier in dieser traumhaften Kulisse sich gegenseitig sinnlos im Stellungskrieg die Felswände weggeschossen haben.

Nach dem Gekurve abwärts wandern wir ein Stück entlang des mehrtägigen Alpe-Adria-Trails, zuerst zum Soča-Pot/Ursprung und den türkisblauen Bach flussabwärts. Wir begegnen dabei nur wenigen Menschen, dafür aber einigen imposanten Schluchten in den Seitentälern. Und immer wieder schwankende Übergänge in Form von Drahtseilbrücken über die Soča. Ein romantisch wie wilder Landschaftsabschnitt.

Boveč lassen wir rechts liegen und begeben uns direkt nach Kobarid, wo wir etwas außerhalb unser Quartier beziehen. Bei gegrilltem Tintenfisch und Filetsteak genießen wir im Gasthaus Jazbec die direkte, abendliche Aussicht auf den imposanten Krennberg, der Krn – ein im Krieg zwischen Italien und Österreich heißumkämpfter Flecken Erde mit einem kuriosen Kriegsverlauf. Zwar konnten die Italiener das Gipfelplateau für sich einnehmen, der Berg geriet aber bald zum österreichisch-ungarischen Hinterland, als die Truppen in einer Blitzaktion bis auf italienisches Terrain vorstießen. Die Italiener waren somit eingekreist und mussten sich ergeben.

Ausschlafen. Zu Mittag dann kräftiger Regen und Gewitter in Kobarid. Da wird es ganz schön finster und unheimlich in der Bergwelt rund um Kobarid. Nass werden wir jedenfalls nicht, denn wir sitzen entspannt im Hisa Franko bei Spitzenköchin Ana Ros zum Mittagessen. It’s Showkitchen-Time – alles ist eingespielt inszeniert – von den Gerichten über jeden Auftritt des Personals. Kunstvoll arrangiert, auch abwechslungsreich, aber nicht jedes Gericht vermag unseren Gaumen zu erfreuen. Die slowenischen Weine aber schon. Die außerhalb des Landes wenig bekannten Weine kleiner Erzeuger wissen zu überzeugen, richtiggehend Weltklasse! Dies schätzen wahrscheinlich auch Heike und Gernot Heinrich (aus Gols im Burgenland) und genießen ebenfalls die Gastfreundschaft dieses Hauses. Am Parkplatz finden sich übrigens einige Autos mit österreichischem Kennzeichen wieder. Meinen Versuchen, die Haltung der hier ansässigen Einwohner zu Österreich zu erkunden, wird diplomatisch ausgewichen. Eh klar, zu wichtig ist hier der Tourismus. Eines wird mir aber klar. Italien steht man deutlich kritischer gegenüber. Für Nostalgie ist hier im Tal angesichts der Gräuel der Vergangenheit sowie der jugoslawischen Arä kein Platz. Die Leute sind froh, am nationalen Ziel angekommen zu sein. Slowenien.

Am Nachmittag ist der Himmel wieder versöhnt und so besuchen wir das monumental faschistische Gebeinhaus in Kobarid. Architektonische Parallelen zum Isonzoschlacht-Denkmal in Redipuglia sind nicht zu übersehen, sowie das von der EU ausgezeichnete Kriegsmuseum. Grauslich, unvorstellbares Leid hat dieser erstmals mit industrieller Waffentechnik geführte Krieg über weite Teile Europas gebracht.

Über dem Gebeinhaus möchte ich eine Luftaufnahme mit dem Kopter erstellen. Am höchsten Punkt fängt plötzlich der Kompass an zu spinnen und das Gerät driftet seitlich weg. Mir stehen die Schweißperlen auf der Stirn, zum Glück bringe ich das Ding manuell heil runter. Wahrscheinlich ist im Denkmal zu viel Eisen verbaut und das beeinflusst dann den Kompass?

Ab nach Tolmin, vorbei am Burgberg in Richtung Zatolmin. Dort wartet die nächste Klamm inklusive Teufelsbrücke auf uns. Jedenfalls mit viel weniger Gedränge im direkten Vergleich zu Bled. Sie ist auch romantischer gelegen, sowie mit einer abwechslungsreicheren Rauf-Runter- Streckenführung versehen. Sehenswert. Wir fahren nach Most na Soči. Dort, eingebettet in eine grüne, liebliche Hügellandschaft, ist die Soča grün, fast türkis, breit und flach. Und wird von einem Ausflugsschiff Marke „Möchtegern-Mississippidampfer“ flußaufwärts bis zur Mündung der Tolminka (die aus der Tolminer-Klamm kommt) befahren. Ein gut gelaunter, bärtiger Schiffskapitän holt alle Damen zu sich, setzt ihnen sein Kapitänskapperl auf und lässt sich, die Frauen küssend, von den Ehemännern dabei fotografieren. Hernach folgt zur Versöhnung der Eifersüchtigen seinerseits das Angebot für ein Gruppenfoto 😊. Seine Frau samt Tochter kümmern sich einstweilen ums leibliche Wohl der Gäste. So werden die Gelüste aller einigermaßen zufriedengestellt. Das Schifferlfahren jedenfalls verschafft Abkühlung an heißen Sommertagen, so lässt sich ein Urlaubsnachmittag ganz entspannt verbringen.

Weiter geht’s über eine landschaftlich nicht mehr so reizvolle Strecke der Soča entlang in Richtung Italien, wo der Fluss sich dann in Isonzo umbenennt. Beim Ort Kanal gräbt der Fluss durch seine starke Erosion noch eine tiefe Trogschlucht ins Gelände und hinterlässt so einen nachhaltigen Eindruck, bevor wir via Görz, Montfalcone und Sistana entlang der nicht minder schönen Steilküstenstraße SS14 nach Triest fahren. Zurück in jenes Triest, das bei unserem ersten Besuch vor ein paar Jahren unmittelbar meine Zuneigung erobert hat. Aber das ist eine andere Geschichte… .

 


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